n8n wird erwachsen: Meine Eindrücke von „In The Loop“ in Berlin
Hochglanz mit bodenständigem Kern
Am 14. Oktober war ich in Berlin bei „In The Loop“, der ersten großen Konferenz von n8n, in den Wilhelm Studios und damit in der Stadt, in der n8n 2019 entstanden ist. Erwartet hatte ich ein Community-Treffen mit Laptops und Kaffee. Bekommen habe ich eine Bühne, die eher an eine Apple-Keynote erinnerte: Lichtshow, neues Logo, große Zahlen.
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Hinter der Show stand aber eine erstaunlich bodenständige Botschaft. Es ging kaum um „magische KI“, sondern um Fragen, die ich aus jedem Kundenprojekt kenne: Wer prüft, was gebaut wurde? Wer sieht, was nachts läuft? Wer trägt die Verantwortung, wenn etwas schiefgeht?
Mein Fazit vorweg: n8n wird erwachsen, vom Werkzeug für Tüftler zur Plattform für den Unternehmensbetrieb.
Der Engpass hat sich verschoben
Der Satz, der mir am stärksten hängen geblieben ist, kam aus der Produkt-Keynote von David Roberts: Ein Agent baut einen Workflow in 40 Sekunden. Zu prüfen, ob er wirklich funktioniert, dauert 40 Minuten.
Das ist genau das Muster, das ich in meinem Artikel zu Vibe Coding beschrieben habe: Funktioniert ist nicht fertig. Generieren ist billig geworden, teuer ist das Verstehen.
n8n will das auf zwei Wegen lösen. Erstens über Inspektion: Der Canvas bleibt, weil man dort die Logik eines Workflows lesen kann. In einer Umfrage unter gut 1.100 Nutzern sagte mehr als die Hälfte, n8n würde ohne Canvas viel von seinem Sinn verlieren. Zweitens über Tests: Evaluations sollen deutlich einfacher werden. Laut Keynote nutzen bisher nur 15 % der Teams überhaupt Evals, obwohl Teams mit konsequenten Evals mehr als doppelt so oft eine sehr hohe Zuverlässigkeit erreichen (70 % gegenüber 32 %).
Dahinter steht der Leitgedanke von Gründer Jan Oberhauser: Sichtbarkeit führt zu Verständnis, Verständnis zu Kontrolle. Wie viel man sehen muss, hängt davon ab, wie kritisch ein Prozess ist. Bei einer persönlichen Aufgabe reicht das Ergebnis. Bei einem Teamprozess braucht es die wichtigsten Schritte. Bei Lohnabrechnung oder regulierten Prozessen jeden einzelnen. Für mich ist das eine sehr brauchbare Leitlinie, wenn wir mit Kunden klären, wie viel Logging und Freigabe ein Prozess wirklich braucht.
Agent oder Workflow?
Die zweite Faustregel aus der Produkt-Keynote: Passiert das Nachdenken einmal beim Entwurf, ist es ein Workflow. Muss bei jedem Lauf nachgedacht werden, ist es ein Agent. Oder wie es dort treffend formuliert wurde: Ein Agent, der 10.000-mal am Tag dasselbe tut, ist nur ein sehr teurer Workflow.
Dazu gab es eine einfache Rechnung. Zehn Schritte mit je 95 % Zuverlässigkeit ergeben ein System, das nur in rund 60 % der Fälle durchläuft. Die Empfehlung: Geschäftslogik aus dem Agenten herausziehen und in deterministische Werkzeuge packen. Das Beispiel aus der Keynote war ein einziges Tool „Nutzer anlegen“, das Slack, Google Workspace und Salesforce in einem Schritt bedient, statt drei einzelner Tools, zwischen denen der Agent selbst wählen muss.
Ich finde das bemerkenswert ehrlich von einem Unternehmen, das gleichzeitig „Agent first“ ausruft. Und es deckt sich mit meiner Erfahrung: Nicht jedes Problem braucht KI, aber fast jede KI-Lösung braucht solide Automation drumherum.
Passend dazu beschrieb die Keynote Vertrauen als etwas, das in Stufen wächst. Zuerst schlägt der Agent vor und der Mensch handelt. Dann handelt der Agent und der Mensch genehmigt. Erst am Ende setzt der Mensch ein Budget und lässt den Agenten innerhalb dieser Grenzen arbeiten.
Feature Kitchens: Mitreden, bevor es fertig ist
Das für mich wertvollste Format waren die Feature Kitchens. Dort zeigen die Produktteams, woran sie gerade arbeiten. Man bekommt einen Blick auf die nächste Version und kann mit eigenen Hinweisen noch Einfluss auf die Entwicklung nehmen. Zwei davon haben mich besonders interessiert. Beide Funktionen sind noch in Entwicklung, Details können sich also ändern.
Credential Management. Wer n8n im Unternehmen betreibt, kennt Zugangsdaten mit Namen wie „Google Credential 1“ und „Google Credential 2“. Für einen geordneten Betrieb ist das kein Konzept. Gleichzeitig soll es für die Nutzer einfach bleiben. Der geplante Ansatz: Der Admin übernimmt die eigentliche Arbeit und richtet die App einmal zentral im Admin-Bereich ein, mit Keys und Secrets aus der Google Developer Console oder Microsoft Entra. Die Nutzer klicken danach nur noch auf „Connect to Google“ und sind mit ihrem eigenen Konto verbunden.
Deployment. n8n wird künftig ein Git-basiertes System für Paketierung und Deployment unterstützen. Das ist vor allem dann wichtig, wenn Workflows zwischen mehreren Stages wandern, etwa von Entwicklung über Test in die Produktion, und man sicher sein will, dass danach noch alles läuft.
In dieselbe Richtung zielten die Ankündigungen aus der Keynote: eine von Grund auf neu geschriebene Ausführungs-Engine, die den Fortschritt nach jedem Schritt speichert und automatische Wiederholungen nur bei Schritten erlaubt, die als sicher markiert sind. Dazu Manifest, ein eigenes Werkzeug für den Überblick über mehrere n8n-Instanzen, und ein Governance-Ansatz, bei dem Agenten künftig eigene, eng begrenzte Identitäten bekommen, statt sich den Login einer Person auszuleihen.
Dein Agent bekommt kein Root
Mein persönliches Highlight war der Talk von Jamie Madden (n8n). Mit viel Humor, aber ernstem Kern ging es darum, wie man Agenten sicher laufen lässt.
Wer das Thema vertiefen will: Jamie bietet es diese Woche als Training Lab auf der NVIDIA GTC in Berlin an. Laut Beschreibung lernt man dort unter anderem:
- einen dauerhaft laufenden Agenten in einer Sandbox mit NVIDIA NemoClaw zu betreiben, mit kontrolliertem Netzwerkzugriff und einem Audit-Trail dessen, was er versucht hat,
- n8n-Workflows als MCP-Tools bereitzustellen, sodass visuell festgelegt ist, was ein Agent tun darf, und sich das ändern lässt, ohne den Code des Agenten anzufassen,
- eine Freigabe einzubauen, bei der der Agent eine Änderung anfragt und ein Mensch sie genehmigt, ohne dass der Agent selbst je Schreibrechte hat,
- abzuwägen, wann ein kleineres Modell für eine Klassifizierung im Workflow die richtige Wahl ist.
Besonders gefallen hat mir die Zielgruppe, die die Beschreibung nennt: alle, die schon einmal einen Agenten in Betrieb genommen haben und danach die Fragen ihres Security-Teams nicht beantworten konnten. Das dürften mehr sein, als es zugeben würden.
Was das für unsere Kundenprojekte bedeutet
Neben den Produktthemen gab es auch Beispiele aus der Praxis. NVIDIA zeigte, wie Agenten und Workflows in Fabriken eingesetzt werden. In der Keynote reichte die Spanne von Mercedes-Benz, das n8n als globale Automatisierungsplattform gewählt hat, bis zu einer kleinen Agentur, die Sprachnachrichten aus WhatsApp automatisch ins CRM überträgt.
Für meine Projekte nehme ich eine Reihe von Fragen mit, die wir künftig früh stellen werden:
- Muss bei jedem Lauf nachgedacht werden? Wenn nicht, ist es ein Workflow und kein Agent.
- Welche Schritte lassen sich deterministisch machen?
- Wie kritisch ist der Prozess, und wie viel Sichtbarkeit braucht er deshalb?
- Wer prüft das Ergebnis, und womit: durch Lesen der Logik oder durch Tests?
- Wem gehören die Zugangsdaten, und was passiert, wenn jemand das Unternehmen verlässt?
- Welche Rechte hat der Agent, und wer gibt Änderungen frei?
Fazit
n8n hat in Berlin eine klare Richtung gesetzt: KI baut, Menschen verstehen und entscheiden. Statt immer neuer KI-Funktionen standen Prüfen, Betrieb, Sichtbarkeit und Governance im Mittelpunkt. Genau das, was Unternehmen brauchen, damit Automatisierung nicht im Pilot stecken bleibt. Gut finde ich auch, was laut Keynote bleiben soll: Die Community Edition bleibt kostenlos und selbst betreibbar, und die Wahl der Modelle bleibt bei den Nutzern.

